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Fachsprache in den Health Professions: Das Beispiel Ergotherapie

Ist es eine Querfraktur, Spiralfraktur, Grünholzfraktur, diaphysäre oder metaphysische Fraktur? – Was in der Fachsprache der Medizin einen unverwechselbaren Namen hat, definiert ist und nach derzeitig gültigem Wissen therapiert wird, ist für Health Professions wie die Ergotherapie mitnichten klar und eindeutig: Nach der Diagnose kommt für die betroffenen Menschen das Leben mit der Diagnose. Von Barbara Müller

Ergotherapeutin mit Klientin sitzen am Tisch.
Das Framework der AOTA beschreibt und erklärt systematisch zentrale Konzepte ergotherapeutischer Praxis.

Der Dreh- und Angelpunkt des therapeutischen Handelns der Health Professionals ist das alltägliche Handeln der Menschen und deren Bewältigung gesundheitsbezogener körperlicher, seelischer und/oder geistiger Beeinträchtigungen. Das ist zutiefst individuell: So kann ein Beinbruch für den einen unproblematisch sein, für den anderen ist es eine Katastrophe mit drohendem Verlust der Autonomie und Pflegebedürftigkeit.

In dieser individuellen Perspektive auf den Menschen liegt die Stärke der Health Professions und der eigentliche Fokus ihrer Tätigkeit. So erfahren und erleben sie in ihrer Arbeit täglich, dass medizinische Diagnosen und Konzepte nicht ausreichend sind, die tatsächlichen Bedarfe der Klienten zu erheben und zu decken. Sie wünschen sich ein sinnvolles, erfülltes Leben auch mit einer Erkrankung und Beeinträchtigung und das ist individuelle „Verhandlungssache“ zwischen Therapeut und Klient. Hier setzt bereits Fachsprache an: in der Übersetzung der Alltagssprache der Klienten in eine Sprache, die den spezifischen Kern der Tätigkeit der jeweiligen Profession in systematisierte Begriffe fasst.

Eine Frage der Perspektive

„If we cannot name it, we cannot control it, finance it, research it, teach it, or put it into public policy.“ Mit diesem Satz hat sich die Pflegewissenschaftlerin Norma Lang 1990 in die Annalen der Geschichte eingeschrieben. Er ist selbstverständlich übertragbar auf alle Health Professions, betreffen doch die gesellschaftlichen Herausforderungen alle, die in der Gesundheitsversorgung arbeiten:

  • Demografische Veränderungen mit steigender Alterung der Gesellschaft,

  • Änderung der Versorgungsbedarfe durch Zunahme der chronischen, multimorbiden Erkrankungen,

  • Steigerung der Krankheits- und Pflegekosten,

  • Forderungen nach interprofessioneller Zusammenarbeit,

  • Veränderungen bei den Gesundheitsberufen,

  • Komplexität der Tätigkeiten der Health Professionals.

Terminologien entwickeln, die Methoden und Techniken der jeweiligen Disziplin beschreiben

Diese Herausforderungen erfordern einen multiperspektivischen Blick aller Health Professions, um den vielfältigen Bedarfen der Klienten gerecht zu werden und sie für ein lebenswertes, sinnvolles Leben mit ihren Beeinträchtigungen zu rüsten. Eine der großen Anforderungen für alle ist dabei, eine Terminologie zu entwickeln, die therapeutische Methoden und Techniken der jeweiligen Disziplin beschreibt, erklärt, nachvollziehbar macht und analysiert, und dabei gleichzeitig die spezifische Nähe zu den Menschen in ihrem Alltag mit Beeinträchtigungen wahrt. Sprachliche Formulierungen gießen dieses alltägliche Handeln in eine Form, die man miteinander teilen kann in Wort und Schrift. Der Kern der Ergotherapie ist dabei das alltägliche Handeln der Menschen in den Betätigungen, die seinem Leben Sinn und Bedeutung verleihen (siehe Kasten).

Ergotherapie als Health Profession

In der Ergotherapie steht das bedeutungsvolle Betätigen von Klienten im alltäglichen Leben im Mittelpunkt. Der Klient in der Ergotherapie ist sowohl das Individuum und sein System als auch eine Gruppe, eine Organisation und/oder eine Population. Ergotherapie ermöglicht, unterstützt und fördert die Klienten bei für sie bedeutungsvollen Aktivitäten in einem realitätsnahen Kontext. Ergotherapeuten arbeiten klientenzentriert, betätigungsbasiert, kontextbasiert, evidenzbasiert, technologiebasiert und gemeindenah, mit dem gemeinsamen Ziel einer optimalen Teilhabe der/ des Klienten an einer diversifizierten Gesellschaft, mit dem Akzent auf Gesundheit, Wohlbefinden und Qualität des Lebens.

Betätigung (die Ausführung von Aktivitäten und Aufgaben) geschieht innerhalb verschiedener Handlungsbereiche, in denen Menschen ihre Aktivitäten durchführen oder sich an Aktivitäten beteiligen: Wohnen/ Versorgen (sich selbst oder andere), Spiel/ Freizeit (sich erholen und soziale Kontakte unterhalten), Lernen/ Arbeiten (ehrenamtliche Arbeit, Bildung, Beruf ausüben).

Mieke le Granse, Herausgeberin der Leitlinien der Ergotherapie

Eine Fachsprache für die Health Professions

Die Medizin hat sich über Jahrhunderte hinweg ein sprachliches Gerüst aufgebaut, das m.E. bis heute als „Goldstandard“ der Entwicklung einerDisziplin zur autonomen Profession angesehen wird. Medizinische Diagnosen und Therapien sind verallgemeinerbar und haben als solche das Potenzial, leicht in eine vereinheitlichte Fachsprache überführt zu werden.

Im Unterschied dazu stützen sich die therapeutischen Prozesse der Health Professions jedoch auf den Menschen in seiner individuellen Reaktion und Bewältigung von lebensverändernden Ereignissen. Wie sieht dann eine Fachsprache aus, die sich am Menschen orientiert, an seinem Alltag, seinen Ressourcen, seinen Schwächen und Stärken? Kann eine Fachsprache, die sich an wissenschaftlichen Konzepten und Modellen orientiert, tatsächlich das ausdrücken, was Menschen mit Beeinträchtigungen brauchen, um ihren spezifischen Alltag zu bewältigen?

Das Framework der AOTA: eine Fachsprache der Ergotherapie

Das Framework des amerikanischen Berufsverbandes AOTA stellt Rahmen und Terminologie für die Ergotherapie bereit und beschreibt den ergotherapeutischen Gegenstand und Prozess. In den Leitlinien der Ergotherapie wird das Framework auf verschiedene Klientengruppen und Settings übertragen und mit Folgerungen für Praxis, Ausbildung, Lehre und Forschung ergänzt. Übersetzt und ergänzt liegen diese Publikationen beim Hogrefe Verlag Bern bereit.

Wie Marotzki und Reichel (2018, S. 9–12) in ihrer Einleitung zur Übersetzung des Frameworks ausführen, sind Diskussion und Entwicklung der Terminologie der Ergotherapie verbunden mit den Konzepten und Modellen, die seit den 1990er Jahren die Disziplin befruchtet haben. Ihre sprachliche Systematik beschreibt die Ergotherapie als einzigartige Disziplin im Gefüge anderer Gesundheitsberufe.

Sprache drückt Identität aus, ist selbst identitätsstiftend und – nach Norma Lang – Instrument und Medium für Forschung, Lehre, Finanzierung u.a. Die Problematik zeigt sich nicht nur in den Diskussionen der Berufsgruppe selbst zu der Einführung einer ergotherapeutischen Fachsprache statt Alltagssprache, sie zeigt sich auch in der Notwendigkeit der Übersetzung. „Die Suche nach den passenden Begriffen bzw. einer angemessenen Terminologie hat sich entwickelt und differenziert, ist aber ein fortlaufender Prozess“, schreiben Marotzki und Reichel (2018, S. 9). Hier eine Auswahl zu zentralen Begriffen des OTPF:

  • Framework: Bezugsrahmen ergotherapeutischer Praxis,

  • Outcomes: Fachterminus für Ergebnisse von Interventionen,

  • Participation: Partizipation und je nach Kontext auch Teilhabe,

  • Personal factors: „personenbezogene Faktoren“ (und nicht persönliche Faktoren),

  • Types of Occupational Therapy Interventions: Ergotherapeutische Interventionsformen.

Fachsprache ist Medium und Identität

Fachsprache ist Medium und Identität. Als Medium sorgt sie für eine Verständigung der Disziplin nach außen (zu den anderen Health Professionals und zum Klienten) und nach innen (als Basis für berufliche und wissenschaftliche Ausbildung, Lehre und Praxis). Als Identität zeigt Fachsprache das an, was in jeder Profession unvergleichbar ist: Rolle, Kern, Aufgabe, Charakter der Dienstleistung etc. Ihre Terminologie sorgt dafür, dass die Therapie der Health Professionals im Sinne von Norma Lang einen Namen bekommt, Kontrolle standhält, Finanzierungsoptionen nach sich zieht, gelehrt und gelernt werden kann und in die öffentliche Gesundheitsversorgung einfließen kann. Letzten Endes landet man aber bei allen Diskussionen immer beim Herz des therapeutischen Handelns: dem Klienten/Patienten.

Mehr zum AOTA-Framework sowie den Leitlinien der Ergotherapie finden Sie hier: https://www.hogrefe.de/buchreihe-leitlinien-der-ergotherapie


Barbara Müller

Barbara Müller ist Programmleiterin Gesundheitsberufe, Redakteurin Pflege und Editor Health Care Profession im Hogrefe Verlag.


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