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Nursing on the Top

Von Spitälern bis zur Spitex

Ein Transfer des Advanced Nursing Process in die Praxis.
Ein Interview mit Prof. Dr. Maria Müller Staub.

"Pflegerische Kultur nähren, die Beziehung leben, zuhören, Beistand leisten, Menschen während ihrer Erkrankung begleiten und sich dabei auf das beste verfügbare Pflegewissen stützen.", mit diesen Worten beschließt Maria Müller Staub als Präsidentin des Schweizerischen Vereins für Pflegewissenschaft ihre diesjährige 20-Jahr-Feier und definiert dabei Motto und Vision des "Nursing on the top". In der Umsetzung heißt das für sie: Pflege beruht auf dem Pflegeprozess in der Form des "Advanced Nursing Process". Lesen Sie das Interview mit ihr. (bm)

Wie unterscheidet sich der Pflegeprozess vom Advanced Nursing Process (ANP)?

Den herkömmlichen Pflegeprozess (mit den Schritten Informationssammlung, Diagnose, Zielen und Planung, Durchführung der Maßnahmen und Evaluation) konnte man eigentlich als Freitext formulieren. Die Anamnese und deren Dokumentationsbogen waren von Bereich zu Bereich unterschiedlich.

Es gab keinen Zusammenhang mit Pflegediagnosen und Pflegezielen, ohne die einigende Struktur der Pflegediagnostik (PES-Format) und in individuellen Worten dokumentiert, die eher das jeweilige Wissen der Pflegefachperson widerspiegelten als die individuelle Reaktion des Patienten/ Klienten auf ein Gesundheitsproblem. Demgegenüber besteht der Advanced Nursing Process aus definierten, validierten Konzepten. Er umfasst Assessment, Pflegediagnosen, Pflegeinterventionen und Pflegeergebnissen und basiert auf wissenschaftlich fundierten Pflegeklassifikationen (siehe Abbildung 1 ).

Advanced heißt vertieft und fortgeschritten und das bedeutet: die Konzepte sind validiert und haben eine innere Übereinstimmung. Das ist der Unterschied zum Pflegeprozess. Ich habe mehrere tausend Pflegepläne überprüft und untersucht: Wenn man das freitextlich macht, dann fehlt diese innere Übereinstimmung, diese innere Logik zwischen Zielen, Maßnahmen und Diagnosen. In der Schweiz nutzen wir die Klassifikationen mit Nursing Diagnosis der NANDA International (PD NANDA-I), Nursing Intervention Classification (NIC) und Nursing Outcome Classification (NOC) – kurz NNN.

flegediagnosen und der Advanced Nursing Process machen sichtbar was Pflege ist und was Pflege tut!

Welche Kompetenzen braucht eine Pflegefachperson, um ihre Pflege nach dem Advanced Nursing Process auszurichten?

Sie müssen natürlich die Diagnosen kennen und dazu auch die notwendigen Hilfsmittel haben, wie das Buch von Doenges (siehe Empfehlungen). Es gibt mittlerweile viele Einrichtungen in der Schweiz, seien es Spitäler oder Spitex, die mittlerweile diese Bücher haben und von diesem Wissen profitieren. Der Goldstandard ist sicherlich NANDA-I, NIC und NOC, aber damit wären wir bei der Frage nach der Dokumentation durch elektronische Systeme: die Verbindung aller NNN zusammen ist nur bei wenigen Anbietern erhältlich. Wenn die Pflegefachpersonen von Experten sinnvoll geschult werden, dann ist die Akzeptanz für den Advanced Nursing Process sehr hoch.

Wie schulen Sie die Pflegefachpersonen?

Ich mache das meist mit klinischen Fällen, die die Teilnehmenden selbst einbringen. Meiner Erfahrung nach ist das die wirksamste Methode, um die Pflegediagnostik praxisnah zu vermitteln. Und diese Praxisbeispiele dann kombiniert mit dem Buch (Doenges). Daraus entstehen Fallbesprechungen in einem reflektierten Austausch. Pflegepraktiker wollen oft schnelle Lösungen für ihre Probleme.

Ich sage ihnen dann aber: "Wir machen das jetzt Schritt für Schritt, ganz bewusst." Nach dem ersten Tag erhalten sie von mir Transferaufgaben. So können sie ganz konkret mit einer Pflegediagnose arbeiten, ein relevantes Ziel wählen und entsprechende Maßnahmen, die wirksam sind. Das Ganze muss stimmig sein: von Anamnese zu den Diagnosen zu den Maßnahmen. Und das will ja zunehmend auch der Gesetzgeber: Maßnahmen können nur wirksam sein, wenn die Diagnose genau gestellt wird.

Auch die Krankenkassen wollen, dass hinter den Leistungen, für die sie bezahlen sollen, Diagnosen stehen. Und meine Erfahrung zeigt: wenn der Pflegeprozess sauber dokumentiert ist in der Form des Advanced Nursing Process , dann kommt das Geld! Dann ist den Krankenkassen klar, dass der Patient diese Pflegeleistungen braucht.

Ich vergleiche das Vorgehen und die Notwendigkeit der Pflegediagnostik gerne mit den medizinischen Diagnosen: wenn ein Arzt die Diagnosen nicht kennt, dann erkennt er sie nicht, auch wenn die Symptome augenfällig sind. Das gleiche gilt für die Pflegediagnosen: wenn man die Pflegediagnose nicht kennt, dann können die Merkmale und die Zeichen des Patienten noch so deutlich sein – die Praktikerinnen erkennen sie nicht.

Bei aller Standardisierung - Wo bleibt die Autonomie der Pflege und des Patienten?

Da gibt es ein Missverständnis über das Wort "Standard": ein Standard garantiert ein Mindestmaß an Sicherheit. Pflegefachpersonen meinen immer Standard sei versus Individualität. Aber: Um zu individualisieren, muss vorher ein Standard da sein. Somit gilt also: der Advanced Nursing Process ist der Standard. Eine Pflegediagnose ist ja per Definition eine "individuelle Reaktion".

Standardisierung bedeutet hier: das Konzept ist definiert. Auch hier lässt sich wieder der Hinweis auf die medizinischen Diagnosen anbringen: ein Herzinfarkt sieht natürlich bei jedem Patienten individuell anders aus und das gilt für pflegerische Diagnosen gleichermaßen. Das Lehrbuch hat eine klare Beschreibung dieses Krankheitsbildes. Und die Pflegediagnose hat eine klare Beschreibung mit der PES-Struktur. Die kann man lehren und lernen und dann kann ich es auch kontrollieren, aber nicht jeder Patient hat die volle Diagnose oder die gleiche Ausprägung.

Und die Ausprägung ist dann die Individualisierung: Verwende ich die richtige Diagnose für den Patienten? Welche Ursachen und Merkmale kommen bei dem Patienten vor? Stimmt die gewählte Diagnose dann noch mit der Ausprägung überein? Genau hier geschieht die Individualisierung. Das ist eine ganz wichtige Unterscheidung.

Wie sieht die Zukunft der Pflege- und Gesundheitsversorgung aus?

Es wird zunehmend wichtiger, dass wir schnell die relevanten Pflegediagnosen erkennen, das heißt, wir müssen ein gutes Assessment machen, gerade erst recht, wenn der Verbleib der Patienten in den verschiedenen Settings verkürzt ist. Und dann muss die Diagnose genau und relevant sein und settingübergreifend weitergehen.

Zunehmend müssen wir natürlich die Angehörigen vermehrt einbeziehen. Und auch das klinische Umfeld ist gefordert, dem Advanced Nursing Process Raum zu geben. Das Management kann nicht Pläne und Dokumentationen erwarten und gleichzeitig den Pflegefachpersonen sagen: bei Planung und Anamnese müsst ihr aber Zeit einsparen. Das ist kontraproduktiv. Der ANP muss seinen Platz haben. Er ist unsere Arbeitsplanung und der Garant für die Kontinuität der Pflege.

 

 

 

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zur Zeitschrift "NOVAcura"

Dieser Beitrag ist in der Zeitschrift "NOVAcura", Heft 10-17 erschienen.

 

 

 

 

Die Autorin

Prof. Dr. Maria Müller Staub ist Pflegewissenschaftlerin und Autorin für Pflegeklassifikationen und Pflegediagnostik im Hogrefe Verlag (Bern) mit einem starken nationalen und internationalen Netzwerk (wie der NANDA). Sie leitet das Ressort Pflegeentwicklung und Qualitätsmanagement am Stadtspital Waid (Zürich), ist Professorin für Akutpflege an der ZHAW (Winterthur) und hat eine Professur inne am Lectoraat for Nursing Diagnostics (Groningen, NL). In der nationalen und internationalen Pflege-Szene gilt sie als Führungspersönlichkeit der Pflegewissenschaft: sie schult seit Jahren Pflegefachpersonen in der Akut- und Langzeitpflege sowie in der spitalexternen Pflege zum Advanced Nursing Process (ANP). 

 

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